Die ständig wiederkehrende künstlerische Komponente in der Frank-Geschichte

Gisela Frank (1928 – 2007) Vortrag, gehalten anläßlich des ersten “Frank-Festes”,  Schloß Senftenegg, 1.-2. Juli 2000

Zuerst möchte ich unseren Gastgebern und Veranstaltern, Claudia und Paolo Basilici, dafür danken, daß es ihnen gelungen ist, aufgrund jahrelanger Forschungen und mit unendlich vieler Mühe und persönlichem Einsatz diese Zusammenkunft zu organisieren, über Landes- und Sprachgrenzen hinweg.

Dieses Treffen macht uns bewußt, wie fragwürdig alle Grenzen geworden sind und wie besonders schwierig es ist, die Grenzen einer Familie aufzuspüren. Und doch gibt es gewisse Züge und Begabungen, die immer wieder auftauchen. Mit kommt das vor wie ein Stück Stoff, dessen Muster sich nach allen Seiten fortsetzen läßt, in bunten Fäden, die sich kreuzen, überdecken, verschwinden und neu kombiniert wieder aufscheinen. Zwei von diesen Fäden, die künstlerische und die handwerkliche Begabung, möchte ich jetzt aufgreifen und ein Stück verfolgen.

Wir alle wissen, daß es den Franks in Südtirol nicht schlecht gegangen ist, sie hatten nicht nur einen Titel, sondern auch einige nützliche Privilegien und ein fruchtbares und schönes Land, um darin zu leben – zumindest so lange, bis es dem großen Napoleon einfiel, mit seiner Armee ganz Europa zu überschwemmen.

Der Großvater meines Großvaters war nicht der Einzige, der es für günstiger hielt, nach Osten auszuweichen. Warum er gerade in Wien hängengeblieben ist, wissen wir nicht, aber ich könnte mir vorstellen, daß die lieblichen Hänge des Wienerwaldes ihn erinnerten an die weitenm sanft geschwungenen Bergzüge seiner Heimat, eine vertraute Landschaft, in der man sich zu Hause fühlen konnte.

Als der Druck doch zu groß wurde, brachen alle Spannungen in der Märzrevolution auf, ein neuer junger Kaiser, eine neue Zeit gab Hoffnung, daß jetzt alles anders würde. Das Fallen der Wiener Stadtmauern, die jahrhundertelang geschützt, aber auch eingeengt hatten, schien ein Symbol zu sein. Genau in dieser Atmospäre, voll des nachklingenden Biedermeiers und der gewaltigen Aufbruchstimmung, wurden drei Brüder Frank geboren: Eduard, Anton und Rudolf, die später die “Gold- und Silberfabrik Gebrüder Frank” gründeten.

Man darf sich dabei natürlich nicht eine Fabrik im heutigen Sinn vorstellen. Es wurden goldene und silberne Tafelaufsätze für die Tische der Reichen und des Adels erzeugt, jedes Stück wurde einzeln entworfen und einzeln mit der Hand gefertigt, also eher eine “Manufaktur”. Die drei Brüder schienen ein ideales Team: Eduard machte die Entwürfe, Anton, der Gewissenhafte, die Buchhaltung und Rudolf, der “Feschak”, sollte die Geschäfte führen (Feschak: einer, der mit Auftreten und gewandtem Benehmen zu imponieren, aber auch zu blenden versteht).

Bei Eduard kommt der rote Faden der künstlerischen Begabung schon deutlich heraus. Er macht nicht nur Entwürfe, er zeichnet, skizziert und aquarelliert auch viel “nach der Natur”. Natürlich mußte er auch die handwerkliche Begabung haben, denn mit der Kunst allein kann man schließlich kein erfolgreiches Kunsthandwerk schaffen. Der gewissenhafte Anton verstärkt das handwerkliche Element noch, indem er die Tischlermeisterstochter Barbara Kindler heiratet. Die Freude an der Arbeit mit dem lebendigen Material Holz wird später immer wieder auftauchen.

Die beiden leben in dem Haus Hirschengasse Nr.6, ein echtes altes Biedermeierhaus mit der ganz charakteristischen Atmosphäre: Zwei Seitenflügel umfassen einen klinkergepflasterten Hof und einen etwas erhöhten Garten, dahinter grosse Bäume und wieder Gärten. Eine Welt für sich, abgeschlossen von der lärmenden (fortschrittlichen) Außenseite, voll scheinbaren Friedens (dahinter, hinter den Bäumen lag allerdings die Kaserne) mit Kontakt zur (gezähmten) Natur – das war die Welt, in der wieder drei Brüder Frank aufwuchsen. Bei den Zwillingen Hans und Leo ist der rote Faden der künstlerischen Begabung schon beherrschend und führt sie bald auf die Akademie. Beim Jüngsten, Richard, manifestiert sich wieder mehr die handwerkliche Seite, er ist ständig damit beschäftigt, Dinge zu zerlegen und zusammenzusetzen, zu erfinden, zu planen und zu berechnen. “Technische Begabung” nannte man das damals und es war keine schlechte Vorbereitung für den späteren Beruf als Pionieroffizier.

Vor einigen Jahren zeigte uns eine Ausstellung im Wiener “Kunstgewerbemuseum” am Stubenring, welch starker Impuls der japanische Farbholzschnitt auf die europäische Kunst des Jugendstils am Beginn des 20. Jahrhunderts bewirkte. Die Brüder Hans und Leo waren zwar keine ausgesprochenen Vertreter des Jugendstils, eher könnte man sagen, daß sie eine Art verspätetes Biedermeier malten, aber die Technik der Japaner faszinierte sie, sie nahmen sie auf, verfeinerten sie und fügten sie ihrer eigenen Farb- und Formenwelt ein. Die geduldige und präzise Arbeit in Holz mochte dem stilleren Leo vielleicht noch mehr liegen, aber auch der lebhaftere Hans, der etwas mehr der Ölmalerei zugeneigt war, baute oft seine Bilderrahmen selbst. Das Tischlererbe ging nicht verloren. Alle diese Entwicklungslinien erfuhren noch eine beträchtliche Steigerung bei unserem Familiengenie, Hans Frank d.J., dem Sohn von Leo Frank. Er kann nicht viel mehr als 14 Jahre  gewesen sein, als er mir in mein Stammbuch eine D-Zuglokomotive zeichnete, mit Rauch, Perspektive und allen technischen Details – zu meiner atemlosen Bewunderung ! Später übernahm er Technik, Stil und auch Motive von Vater und Onkel, entwickelte aber alles weiter. Seine Farbholzschnitte sind dynamischer und raffinierter und niemand könnte mehr darin einen japanischen Einfluß erkennen.

Die Malerei war allerdings nicht seine einzige Begabung. Er schaffte neben der Kunstakademie auch noch die Hochschule für Musik – diesen Faden muß ich aber wegen mangelnder Kompetenz meinerseits unaufgegriffen lassen. Seine dritte Begabung, die technisch-handwerkliche, führte, von der D-Zugslokomotive abgesehen, zu teils merkwürdigen, teils äußerst eindrucksvollen Blüten. Der Höhepunkt ist wohl das Haus, das er sich am Irrsee, auf dem Guggenberg, gebaut hat: wirklich selbst gebaut, Ziegel für Ziegel und Balken für Balken, mit hinreissend selbstgeschnitzten Türen, kreativ verlegtem Parkett und unzähligen kleinen und großen künstlerischen Kostbarkeiten. Es könnte ein Museum sein, wenn es nicht eine Zufluchtsburg wäre…

Auch bei Hans Frank setzt sich die Linie fort. Seine Tochter Hilde baut in Salzburg eine Handweberei auf, deren exquisite Produkte sowohl den handwerklichen wie auch den kreativen Faden zeigen, der ins Familienmuster paßt.

Wer nicht so ganz ins Familienmuster paßt, das bin ich selbst als Malerin und Graphikerin. Meine handwerkliche Begabung reicht nur, so weit sie muß, sie bleibt immer dienend. Ich gehe immer von irgendeinem, möglichst allgemein menschlichem Thema aus und versuche, seine verschiedenen Aspekte in ein lesbares Bild zu übersetzen. Dieser philosophische “Faden” ist neu – oder vielleicht wurde er nur noch nicht entdeckt ?

Zur Person der Autorin : Geboren in Wien, nach dem Studium alter Sprachen, Kulturen und Religionen Schülerin (Malerei) von Professor Charles Lipka. Zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland, Mitglied des Wiener Künstlerhauses und der internationalen Künstlergruppe “Spirale”. Bevorzugte Technik, Feder- und Rohrfederzeichnungen.

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